Alles muss raus

Stricken, Häkeln und Nähen - nur für zuhause viel zu schade, finden die Rausfrauen: Und darum verschönern sie mit Liebe und Faden ihre Stadt.

In München ist man gerne draußen. Im Frühsommer, wenn die Sonne auf den Marienplatz strahlt und der Himmel blau ist, scheint die Welt hier in Ordnung. Unglaublich, wie viel Prozent des Tages man außer Haus verbringt, in den Straßen, der U-Bahn, auf Treppen und Unterführungen. Wenn es regnet, nimmt man einen Regenschirm und geht schneller, wenn es nicht regnet, freut man sich, dass es wenigstens nicht regnet. Sonst kriegt man von den Wegen, die man tagtäglich geht, nicht besonders viel mit. Mit Autopilot manövriert uns unser Gehirn zum U-Bahn-Eingang, zum Bäcker, zur Arbeit. Wir nehmen nicht wahr, wir bringen hinter uns. Außer es ist mal was, Baustelle zum Beispiel. Dann müssen wir plötzlich einen Umweg gehen und sind zuerst irritiert und dann verärgert. Hier kommen wir ins Spiel und lassen Häkelblümchen aus dem Kopfsteinpflaster sprießen, die olle Kuh am Rindermarkt glänzt in knallbuntem Almaufputz und in der U-Bahn schaffen rosa Gardinchen gemütliche Wohnzimmeratmosphäre. Irritationen, die nicht verärgern, sondern stutzig machen, erfreuen, belustigen.

„Öffentlicher Raum“, das heißt, das ist doch auch ein „Raum“. Und der gehört offenbar allen. Natürlich: Hätte man ein großes Schloss und einen großen Park, dann würde man selbst ganz alleine bestimmen, wie es dort auszusehen habe, aber diese Zeiten sind vorbei und das Königreich beschränkt sich meist auf ein WG-Zimmer oder eine kleine Wohnung, in die kaum die vielen Ideen passen, die Mensch sich so an warmen Sommertagen ausdenkt. Aber das Draußen ist auch ein Raum, der bedacht und verschönert werden will. „Schöner Wohnen“ für die Straße, sozusagen. Und Hausfrauen-Arbeit, eine nicht bis kaum geschätzte und entlohnte Tätigkeit in unserer Gesellschaft, präsentiert sich so einmal in ganz neuem und viel prominenterem Rahmen. Warum sollen eigentlich nur weit entfernte Architektenhände unsere Straßen prägen. 

Wir gehen mit offenen Augen durch die Stadt, schauen, was uns gefällt, oder vielmehr nicht gefällt, was einen neuen Akzent vertragen könnte und worauf wir die Aufmerksamkeit unserer Mitbewohner lenken wollen, weil sie dahin bestimmt noch nie geschaut haben. So bekamen etwa im Juli 2011 die grauen Stromkästen in Schwabing einen neuen Schmuck: Mit Rüschen-Tischdeckchen und Blümchen präsentierten sie sich in voller Pracht den bewundernden oder verdutzten Passanten und zeigten, dass sie auch noch mehr sein können, als hässlich. Auch fanden sich offenbar schnell mitleidige Bürger, die sich liebevoll der Blümchen annahmen, um sie vor dem Vertrocknungstod zu retten und vielleicht das kleine prickelnde Gefühl von Verwegenheit, Zerstörung eines Kunstwerks oder Diebstahl zu haben.

Was mit den ausgesetzten Häkeleien, Stricksachen und Nähwerken passiert, das wissen wir nicht. Wie in einer Gemeinschaftswohnung üblich, kann jemand etwas hinstellen, ein anderer nimmt es wieder weg, oder bringt es gar in seinem eigenen Zimmer unter. Das schafft Interaktion und Bewusstsein für die eigene Handlungsmöglichkeit. Wir jedenfalls tüfteln weiter an nächtlichen Verstrickungen und Schmankerln für unsere Stadt, also haltet die Augen offen und die Füße wach! 

Sissi und Hermine

Mehr über die rausfrauen

Seit Juni 2011 machen die Rausfrauen die Münchner Innenstadt wohnlich. Bewaffnet mit Häkelnadeln, Schere, Wolle und Stopfgarn ziehen sie zu nächtlicher Stunde los und verschönern ihre Stadt. Fast vergessenes Handwerk hält Einzug in die Öffentlichkeit. Vergängliche Werke, die nichts kaputt machen wollen, sondern Leerräume füllen und den Blick auf im Alltag kaum beachtete Objekte lenken. Von Omas im stillen Kämmerchen entwickelte, traditionelle Qualitätsarbeit rückt so in die Mitte der Gesellschaft. 

Online unter: www.rausfrauen.de

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