Ein Tisch ohne Stühle ist so einsam wie eine Tür ohne Haus. So verkuppeln Sie passende Paare und sitzen nebenbei noch bequem
Es ist schwerer, einen guten Stuhl
zu bauen als einen Wolkenkratzer“,
hat Bau-
haus-Architekt Ludwig
Mies van der Rohe einmal gesagt.
Noch dazu begleiten uns Stühle viele
Jahre – im Schnitt sind es acht bis zwölf,
da müssen sie schon einiges aushalten.
Das war nicht immer so: Ursprünglich
war der Stuhl ein Machtsym-
bol. Die Herrscher
thronten, das Volk saß zu ihren
Füßen. Erst nach der
Französischen
Revolution
1789 demokratisierte sich
das Sitzprivileg bis ins Bürgertum. Seine
eigene Revolution entfachte der deutsche
Möbeltischler Michael Thonet,
als er 1859 den ersten Massenstuhl entwarf:
„Nr. 214“, bekannt als Wiener
Kaffeehausstuhl, besteht aus nur sechs
Holzteilen, zehn Schrauben und
zwei Muttern. 60 Mil-
lionen Exemplare
wurden bis heute verkauft.


„Stool E60“ von Artek (1933)

Schaukelstuhl Nr. 1“ von Thonet (1850)
„SE 68“ von Wilde + Spieth (1950)


„Plia“ von Castelli (1967)
Zwei Stühle, eine Meinung? Nein!
Mittlerweile hat sich der Mensch, der
körperlich doch eigentlich mehr für
die Bewe-
gung geschaffen ist, vom Homo
erectus zum Homo sedens, einem
sitz-lieben-
den
Lebewesen, verändert.
Kaum aufgestanden, lassen wir uns am
Frühstückstisch nieder. Anschließend
fahren wir – selbstverständlich sitz-
end
– mit Auto oder Bus zur Arbeit, wo
wir uns vielfach sofort wieder am Schreib-
tisch
niederlassen. Allein deswegen
müssen Designer neben der Optik auch
die Ergonomie ins kreative Visier nehmen.
Die schlechte Nachricht vorweg:
Einen Stuhl für alle Lebenslagen
gibt es nicht. Dafür lautet die gute:
Wir dürfen ein paar Mal mehr zugreifen.
Überlegen Sie sich also vor dem Kauf,
wo Sie die Sitzgelegenheit platzieren
und in welchem
Rahmen Sie sie nutzen
wollen. Ein Hocker, auf dem man sich
nur mal kurz die Haare föhnt, muss nicht
so bequem sein wie ein Stuhl, auf
dem man mehrere Stun-
den konzentriert
arbeitet. Komfort am Esstisch können
Sie an einer ganz einfachen Frage
festmachen: Sehnten Sie und Ihre Gäste
sich beim letzten Drei-Gänge-Dinner
schon vor dem Nachtisch danach, auf
das Sofa umzu-
ziehen? Dann wird es Zeit,
ein paar neue Stühle zu kaufen. Experten
machen für die Bequemlichkeit
neben subjektiven Vorlieben vor
al-
lem Material und Bauweise verantwortlich.
Auf stabilem Holz oder Kunststoff
fühlt man sich – das kennen wir aus
eigener Erfahrung – länger wohl als auf
wacke-
ligen Klappstühlen. Ideal sind
verstellbare Sitzflächen und nach hinten
leicht geneigte Rückenlehnen.
Ein Ausflug Richtung Po-Ebene
Stühle kauft man nicht
mit den Augen, sondern mit dem Po.
Sie lachen? Scheuen Sie sich nicht, das
potenziell neue Möbelstück schon vor
dem Kauf einer ausgiebigen Sitzprobe
zu unterziehen. Die sollte mehrere Minuten
und nicht nur Sekunden dauern:
Optimal sind zwan-
zig, mindestens jedoch
fünf Minuten. Wer sich im Möbel-
haus
keine Zeit dafür neh-
men möchte, kann
sich vor Ort nach befristetem Probe-
sitzen
zu Hause erkundigen und das
Objekt der Sitzbe-
gierde kurzfristig
ausleihen. Der Aufwand lohnt sich.
Designer setzen auf Vielfalt
Auch wenn das Grundprinzip eines
Stuhls – eine Sitzflä-
che auf vier Beinen
– genial einfach ist: Designer hat dies
zu den vielfältigsten Kreatio-
nen herausgefordert.
Vom Freischwinger über
Kufen-
wunder, vom Schemel bis zum Riesenhocker
– der Stil beeinflusst auch
den Style der Wohnung. Selbstver-
ständlich
lassen sich die verschiedensten
Modelle miteinander kombinieren. Damit
kein wüster Flohmarkt dabei herauskommt,
achten Sie auf Gemeinsamkeiten
(Anstrich,
ähnliche Holztöne, gleiches Material,
Polster).

„Panton Chair Classic“ von Vitra (1959)
„Barhocker 3107“ von Fritz Hansen (1955)


Bank „153A“ von Artek (1935)
Kaffeehausstuhl „Nr. 214“ von Thonet (1859)

Für die persönliche Sitzordnung
Nicht immer muss es ein neuer Stuhl aus
dem Möbel-
haus sein. Auch Modelle
Marke Eigenkreation entpup-
pen sich als
Hingucker. Uni-
kate erhalten Sie zum
Bei-
spiel, wenn Sie Stühle mit Geschenkpapier
oder Stoff-
resten bekleben. Wer
es weniger ausgefallen mag: Einmal beizen
oder farbig lackieren – schon
hat man ein neues Möbelkleid. Eben-
so
fördert eine Klarlasur verschiedene
Holzmaser-
ungen zutage. Und wenn Sie
glauben, das letzte Stündlein Ihres in
die Jahre gekom-
menen Stuhls habe geschla-
gen:
Nicht gleich entsorgen, Sie
können ihm auch einfach eine neue Rolle
zuweisen – als Nachttisch, Pflanzen-
ständer
oder Zeitschriften-
ablage.
Tipps für einen erfolgreichen Einkauf
Für Holzstühle gilt: Werfen Sie auch mal einen Blick unter die Sitzfläche. Gute Qualität zeigt sich an den Verbindungen von Beinen zum Rahmen. Sind Schrauben oder Leim zu sehen, machen Sie eine extralange Sitzprobe. Bei Kunststoff-Exemplaren fallen Mängel nicht so schnell ins Auge: Holen Sie sich daher Rat von einem Fachmann.
Relation zum Tisch
Die Höhe der Sitzfläche am Esstisch sollte zirka 45 Zentimeter betragen und somit ungefähr 30 Zentimeter unterhalb der Tischkante liegen. Im besten Fall passen Modelle mit seitlichen Lehnen problemlos unter die Platte. Als angenehme Sitzplatz-Breite empfinden die meisten Menschen rund 60 Zentimeter.
Gerader Rücken, richtige Haltung
Sitzen allein ist noch kein Problem für die Wirbelsäule. Es kommt auf den Zeitraum an, wie lange bzw. wie wir sitzen. Um die Wirbelsäule zu entlasten, sollte man nicht stundenlang starr verharren, sondern häufig die Position auf Stuhl oder Sessel wechseln. Gelegentliches Aufstehen wirkt ebenfalls auflockernd.